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Deutsch in Wort und Schreibbüro

Diesen Satz habe ich neulich im Internet gelesen:

Ausländische Ärzte brauchen kein gutes Deutsch

Warum das so sein soll stand leider nicht dabei und wirft damit ein paar Fragen auf und war somit Inspiration zu dem heutigen Blog-Thema. Wenn das nämlich so sein soll, dann finde ich, sollten wenigstens wir als Schreibkräfte ein gutes Deutsch sprechen und vor allem schreiben.

Ein wichtiger Grund, das Thema Kommunikation groß zu schreiben, sind die teilweise erheblichen sprachlichen Defizite der ausländischen Kollegen. Laut Bundesärztekammer ist die Anzahl der gemeldeten ausländischen Ärzte im Jahr 2014 um rund zehn Prozent gestiegen. In Deutschland arbeiten immer mehr Ärzte aus dem Ausland. Das ist gut so, denn sonst blieben viele Stellen in Kliniken unbesetzt, keine Frage. Allerdings sprechen und verstehen auch viele dieser Kollegen sehr schlecht Deutsch, was nicht nur bei der Behandlung von Patienten zum Tragen kommt, sondern eben auch bei der Arbeit die nicht direkt am Patienten stattfindet.

Im Schreibbüro 🙂

Ärzte müssen Anamnesen erheben und über Vor- und Nachteile von Behandlungen sprechen. Sie müssen einen Arztbrief mit Diagnose und weiterführender Therapie an einen weiterbehandelnden Arzt formulieren und diktieren. Schreibkräfte müssen die Formulierungen in korrektes Deutsch umsetzen inklusive der medizinischen Fachausdrücke, die ja oft auch nicht korrekt diktiert werden. Die fehlenden Sprachkenntnisse vieler Ärzte führen jedoch nicht nur im Umgang mit den Patienten zu schwierigen Situationen.

Gutes bis einwandfreies Deutsch und das Beherrschen der Nomenklatur in allen Fachbereichen ist das, was Schreibkräfte heute können müsse. Dies wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Ohne diese Kenntnisse haben Bewerber/-innen so gut wie keine Chance für eine Anstellung in diesem Beruf.

Im Blog vom März bin ich ja bereits ausführlich auf das eingegangen, was wir als Schreibkräfte außer „tippen“ noch alles können müssen.

Neben der schlechten Aussprache bestehen hauptsächlich Defizite in der Grammatik.
Die meisten Sätze werden „rückwärts“ gesprochen (Beispiel: Der Patient ist ins Krankenhaus gekommen wegen hohem Blutdruck durch Notarzt)

Der, die, das – können nicht richtig zugeordnet werden (Beispiel: Der Patientin/die Patient hat einen Hund)

Ein-/eine sowie Einzahl-/Mehrzahl werden verwechselt oder gar nicht berücksichtigt (Beispiel: Mit dieses Psychopharmaka konnte eine Rückgang der dysphoren Zustände und eine ausgeglichenes Stimmungsbild über der Tagesverlauf erreicht werden oder auch: Eine Echokardiografie zeigte sich eine hämodynamisch nicht relevanter Perikarderguß, festgestellt)

Hypo– und hyper– werden sehr oft undeutlich diktiert, B und P werden nachlässig ausgesprochen und sind im Diktat oft nicht zu unterscheiden.

Je nachdem aus welcher Region die Ärzte kommen, wird ü und u nicht unterschieden, das Y wird immer als I (Aussprache: psichisch) ausgesprochen.

Für uns Schreibkräfte bedeutet das folgendes:
Wir hören zuerst den Satz und schreiben ihn dann richtig.
Wir schreiben den Satz „falsch“ mit und verbessern die Fehler anschließend.
Beide Varianten bedeuten einen hohen Zeitaufwand und stören den Schreibfluss.

Anzumerken ist auch, dass zumeist die ausführlichen Anamnesen der Patienten aus den Vorberichten der Kliniken abgelesen werden, weil eine eigene Formulierungen für den Arztbrief mangels sprachlicher Kenntnisse, nicht gekonnt werden. Dabei werden viele Sätze und Wörter falsch abgelesen, eigene händische Aufzeichnungen während eines Gespräches mit dem Patienten werden in der Muttersprache notiert und dann von in ein nicht wirklich gutes und klar zu verstehendes Deutsch im Diktat irgendwie „umgewandelt.“

Schreibkräfte dürfen in der Regel aber – außer grammatikalischen Korrekturen – keine Änderungen bei Diktaten selbstständig vornehmen, damit keine inhaltlichen Fehler passieren und im Falle einer Nachfrage (Beschwerde von Patienten, inhaltliche Fragen) das Diktat nachvollzogen werden kann.  In der Zeit in der ich für ein großes Unternehmen, die Schreibarbeiten vergeben haben, tätig war, musste ich die Diktate 1:1 zu übernehmen und musste dies auch so umsetzen. Für mich und meine Arbeit war dies im Gesamten sehr unbefriedigend, weil mein Beruf für mich mehr bedeutet als nach einer Vorgabe etwas einfach herunter zu schreiben. Dinge zu tun, von denen ich weiß, dass es so wie es ist, nicht wirklich „richtig“ ist, entsprechen eben nicht unbedingt der Einstellung zu meinem Beruf.  Insgesamt habe ich dies als sehr demotivierend empfunden und meinen Beruf als solches teilweise auch als abgewertet angesehen. Wenn man dann aber sieht wie gering diese Tätigkeit entlohnt wird, schreibt man irgendwann vermutlich einfach alles so wie es vorgegeben wird. Ich selbst bevorzuge diese Variante in meiner Arbeit jedoch nicht.

Für die meisten Auftraggeber jedoch ist es selbstverständlich, dass die bestehenden Defizite der ärztlichen Kollegen von den Schreibkräften korrigiert und entsprechend richtig umgesetzt werden dürfen. Bei Auftragsgesprächen wird angefragt, ob wir als Schreibbüro so arbeiten, was ich sehr schön finde. An dieser Stelle vielen Dank für das Vertrauen in unsere Arbeit an alle Auftraggeber.

Hier ein paar Beispiele die sich aus Diktaten mit Sprachdefiziten ergeben und die wir als Schreibkräfte in die richtige Schreibform und auch teilweise inhaltliche Form bringen müssen:
(Die Beispiele sind Auszüge von Diktaten aus neurologischen, internistischen und psychiatrischen Dokumenten, die ich gesammelt habe):

Der Patient hat schon Schlafmittel für ihn, was hilft zu ihm.

Die Patient fühlt nicht die Geschmacken.

Die Teilnahme am Verkehr ist eingeschränkt wegen viel Ängst.

Allergie gegen Heuschnupfen.

Einbeinstand nur einzeln möglich.

Allergie auf schlimme Pilze

Bauchdeckel weich

Die Patientin hat eine Tochter, die an Eierkrebs gestorben ist.

Kalter Knochen an der Schilddrüse.

Sehstörungen (vor zwei Wochen war die Patientin von gestärktem Licht gestört und hat eine Sonnenbrille getragt)

Es wurde eine Vorstellung in der Augenklinik in der Uniklinik ……. erfolgt, wo sich die weitere neurologische Abklärung empfohlen.
…. eine organische Personaligkeitsstörung……

Über dem Abdomen Leben und Milz nicht vergrößert tastbar.

Keine Frage dass diese Dinge auch sehr erheiternd sind und sicherlich für eine gute „Stimmung“ im Schreibbüro sorgen können. Wenn gemeinsam gelacht (nicht ausgelacht!) werden kann, finde ich das immer schön!  Für mich persönlich gibt es dahingehend einen wirklich lieb gemeinten Satz aus einem Diktat, den ich an dieser Stelle mit einem Schmunzeln einstelle:
Der Patient wurde in die Sandbox gesetzt. (Richtig: Bei dem Patientin wurde die Sandbox angesetzt.)
Köstlich. Die Vorstellung wie zwei Therapeuten den Patienten in die Wanne/Schüssel mit Sand setzen……einfach köstlich.

Es gehört selbstverständlich auch dazu, diese Dinge nicht ganz so streng zu bewerten, solange es sich nicht um gravierende Fehler handelt, die ggf. Konsequenzen mit sich bringen, sei es für den Patienten als auch für das Personal in Kliniken.

Und es gibt bereits Verbesserungen hinsichtlich der Voraussetzungen für eine Anstellung als Arzt in Deutschland. Wurden vor ein paar Jahren noch ärztliche Kollegen auch komplett ohne Sprachkenntnisse in Kliniken eingestellt und mussten dann Deutsch und „Medizinisch“ zugleich lernen, sind heute die Voraussetzungen für eine Anstellung (bundeslandabhängig) in der Regel nur mit B2 (Allgemeinsprache) – C1 (Fachsprache) Zertifikaten im Vorfeld möglich.
Dies ist natürlich deutlich spürbar, auch für uns Schreibkräfte im Schreibbüro. Ich erlebe eine deutliche Verbesserung bei den Diktaten und den ärztlichen Kollegen die „neu“ sind. Noch vor ein paar Jahren benötigten „neue“ Ärzte aus dem Ausland mindestens ein Jahr, um sprachlich hier bei uns einigermaßen zurecht zu kommen.
Und ja, sie können nicht alles aussprechen, weil „Deutsche Sprache – schwere Sprache“.
Und es ist ebenso nicht ganz so einfach, wenn ausländische Kollegen mit Sprachdefiziten, ausländische Kollegen mit Sprachdefiziten einarbeiten müssen.

Aber dennoch habe ich Respekt vor der Arbeit die sie tun. Ich könnte in einem Land, dessen Sprache ich nicht richtig kann, meinen Beruf nicht einfach so ausüben.

Die Tatsache, dass wir mehr ausländische Ärzte mit Sprachdefiziten als deutsche Ärzte haben, ist etwas, an das man sich anpassen muss. Auch im Schreibdienst. Wer da nicht weiß „von was er schreibt“, der wird früher oder später scheitern.

Ich bekomme regelmäßig Bewerbungen von Schreibkräften, auch von Bewerbern, die nichts mit dem Thema Medizin zu tun haben. Schon in den Bewerbungsschreiben sind deutliche Defizite bzgl. der deutschen Rechtschreibung und Formatierung erkennbar. Beim Testen der einfachen Rechtschreibung höre ich Argumente wie: „Ich habe eine Lese-Rechtschreibschwäche aber das Office-Programm wird es schon richten“. Hm, gute Frage, das gilt dann aber nicht für ein Bewerbungsschreiben?

Beim Nachfragen nach medizinischen Kenntnissen höre ich oft Argumente wie: „Ist doch völlig egal, ob man die „Nomenklatur“ beherrscht oder nicht? Der Arzt der diktiert kann es auch nicht richtig!“ Ich finde nicht dass es egal ist.
Es gibt durchaus Schreibkräfte, die nicht aus dem medizinischen Bereich kommen, aber dennoch in diesem Beruf super arbeiten. Ich kenne sogar einige und natürlich weiß ich, dass man den Beruf der medizinischen Schreibkraft erlernen kann, ohne aus diesem Bereich zu kommen. Wer Interesse an der Medizin hat und wirklich diesen Job machen möchte, der kann das sicherlich lernen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten sich Kenntnisse in diesen Beruf anzueignen (z.B. über Fernstudien).

Ich weiß durch eine Bekannte, die ehemals für ein Fernstudium-Institut gearbeitet hat,  dass bereits die Grundvoraussetzungen der deutschen Sprache der Auszubildenden weit unter dem Standard liegen. Vermutlich gibt es deswegen vermehrt Schwierigkeiten im Umgang mit medizinischen Ausdrücken, da es mehr um Auswendiglernen von Begriffen und deren Schreibweisen geht. Da ich selbst keine Ausbildung über ein solches Fernstudium erworben habe, kann ich leider nicht selbst beurteilen, welche Inhalte dort vermittelt werden und wie der Ausbildungsstand nach Abschluss des Studiums ist.

Für mich macht es aber nach wie vor einen großen Unterschied ob ich weiß von was ich schreibe, oder ob ich es nur schreibe weil ich weiß wie es geschrieben wird.

Also meine Frage: Wie soll es funktionieren, wenn oftmals die eigene Sprache nicht gekonnt wird?
Verlässt man sich dann wirklich auf die Rechtschreibfunktion eines Office-Programmes? Das muss ja mit Fachbegriffen auch erst gefüttert werden, bevor man es abrufen kann. Und wenn ich nicht weiß wie man etwas schreibt, dann kann ich auch nicht danach suchen, geschweige denn, das Korrekturprogramm mit dem richtigen Wort füttern.

Wer nicht weiß, wie die Nerven im Körper auf Latein heißen, wer nicht weiß, wie die Knochen im Körper eines Menschen benannt sind, und wer nicht weiß, was eine Fraktur oder ein Supinationstrauma sind, wie soll er etwas verstehen was undeutlich diktiert wird, oder wonach soll er suchen in den Suchmaschinen oder im Pschyrembel? Wer die Medikamente nicht kennt, nicht weiß wofür welche Medikamentengruppe steht, wo und nach was soll er suchen, wenn er etwas nicht versteht?

Beispiel:
Patient mit Schlaganfallmedikation
Es ist ASS gemeint. ACC wird diktiert
ASS = Acetylsalicylsäure = Blutverdünner vs. ACC=Acetylscystein=Schleimlöser

Jede gut ausgebildete Schreibkraft aber „hört“ an dieser Stelle den Fehler und macht die entsprechende Anmerkung, dass dies überprüft werden muss.

Jetzt kommt zurecht der Einwand: Es ist nicht Aufgabe der Schreibkraft, den Inhalt zu korrigieren, sie soll nur schreiben was diktiert wird.

Ich finde aber dass es die Aufgabe einer gut arbeitenden Schreibkraft ist, solche Dinge auszugleichen oder zumindest einen entsprechenden Vermerk zu machen, dass hier vermutlich ein „Versprecher“ stattgefunden hat.  Aber auch Oberärzte, die zum größten Teil kein gutes Deutsch sprechen, übernehmen die Verantwortung durch Korrektur und Freigabe der Dokumente und somit auch für den Inhalt. Auch nicht immer akzeptabel, weil es eben in diesem Bereich grundsätzlich große Sprachdefizite gibt, ganz unabhängig von der Position in der gearbeitet wird.

Und ob es letztendlich der Fortschritt „Spracherkennung“ richten wird, darüber werden wir auch noch sprechen.

Hier ein paar Beispiele, wie nicht gelernte Schreibkräfte Diktate in „Medizinisch“ umsetzen:

Die Patientin hat einen Lupus Ehemann Todes…” (…erythematodes)

Im weiteren Verlauf entwickelte der Patient eine Aspirin-Pneumonie (Aspirationspneumonie)

Wir verordneten einen Gleichgewichtsrollstuhl (Leichtgewichtrollstuhl)

…kein Anhalt für eine Stirnbandleerung (Stimmbandlähmung)

Ein Aufblasversuch des Katheters……(Auslass…)

Bei dem Patienten ist ein Willy-Brandt-Jörgens-Syndrom bekannt (Willebrand-Jürgens-Syndrom)

Es wurde ein Troponin-Tee gemacht. (-Test)

Der Patient hat einen Kraft der Behinderung von 80. (GdB= Grad der Behinderung)

…davon hatte die Patientin eine Flaschen-Symptomatik (Flush-Symptomatik)

Und ja es kann sein, wenn ich Lupus des Todes in der Suchmaschine eingebe, dass dann die Suchmaschine fragt: „Meinten Sie – Lupus erythematodes?“ Aber ob ich die Antwort geben kann, wenn ich schon vorher nicht wusste wie der Lupus bezeichnet wird, ist fraglich. Und wenn ich Troponin-Tee eingebe, kommt vermutlich „Meinten Sie – Troponin-Test?“. Nur, was nützt es, wenn ich gar nicht weiß was ein Troponin-Test ist und wofür er verwendet wird. Wer nicht weiß was eine Sandbox ist, der wird den Satz so schreiben und so wie es oben geschrieben wurde eben auch als richtig verstehen.

Grundsätzlich beschreibt sich hier sehr oft für mich die Frage nach der Wertigkeit unserer Sprache und ob es wirklich so egal ist wie man spricht und schreibt.

Fazit:
Nicht nur ausländische ärztliche Kollegen sollten „Deutsch“ und „Medizinisch“ können, wir als Schreibkräfte müssen das auch, damit wir unsere ärztlichen Kollegen professionell unterstützen können. Unser Job eben!

 

2 Comments

  1. Avatar
    Beate

    Liebe Frau Erdelji,

    vielen Dank für Ihren Bericht! Endlich jemand, der/die mir aus der Seele spricht (Ich arbeite im med. Schreibdienst einer Klinik) in Punkto Diktate von ausländischen Ärzten. Genauso sind die Sätze – und treiben mich im Moment psychisch an und über meine Grenzen (Wir haben einige Ärzte aus verschiedenen Ländern).

    Schön, dass ich Ihren Artikel gefunden habe.

    Liebe Grüße,

    Beate

    • Susanne Erdelji
      Susanne Erdelji

      Liebe Beate, freut mich sehr dass Ihnen der Artikel gefällt. Danke!!

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